Grazer Akademische Burschenschaft Carniola
seit 1884
JOURNAL / VORMÄRZ (II)
Daten zum „kulturellen“ Vormärz (1815-1848)
HISTORISCHER HINTERGRUND – BÜRGERLICHES BEWUSSTWERDEN
Am 6. August 1806 war das seit dem Jahr 902 bestehende Sacrum Romanum Imperium (SRI) mit der Niederlegung der Reichskrone durch den Deutschen Kaiser Franz II. Geschichte.
Während das Reich (SRI) nach dem „Westfälischen Frieden“ 1648 weitgehend Frieden in Europa stabilisieren konnte, begann ab Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem „Österreichischen Erbfolgekrieg“ 1740-1748, den beiden „Schlesischen Kriegen“ und dem „Siebenjährigen Krieg“ 1756 – 1763 ein allmählicher Machtverlust. Nicht aufzuhaltender Untergang stand im Zusammenhang mit den überlebten, absolutistischen Machtstrukturen.
War man in den deutschen Ländern von den „Errungenschaften der Französischen Revolution“ und der ersten Republik der Franzosen als der neuen Staatsform und anfangs auch von Napoleon beeindruckt, änderte sich die Stimmung durch seinen Staatsstreich gegen die Republik am 9. November 1799. Desillusion machte sich breit als Napoleon am 2. Dezember 1804 sich sebst zum erblichen Kaiser der Franzosen (L’Empereur des Français) krönte. Papst Pius VII. folgte der „Einladung“ zur Kaiserkrönung, hoffte er doch die zuvor säkularisierten Territorien seines Kirchenstaates wieder zu erhalten. So gab er in der Kathedrale „Notre-Dame de Paris“ Napoleon Bonaparte I. die apostolische Legitimation:
„Vivat in aeternum semper Augustus!“
Uralter Segensruf bei der Kaiserkrönung des Frankenkönigs Karl des Großen in Rom am Weihnachtstag des Jahres 800 und der Römisch – Deutschen Kaiser im Mittelalter.
Kaiser Napoleon veränderte in den folgenden Jahren mit militärischen Mitteln und mit politischer Macht die meisten Staaten und das Machtgefüge in Europa. Der Code Civile von 1804 (später „Code Napoleon“), der sich von der Doktrin der Naturrechte, aus dem klassischen Liberalismus, dem Denken der Vernunft, der Trennung von Kirche und Staat, kurz aus den philosophischen Ideen und politischen Formulierungen der Aufklärung herleitete, wird im Macht- und Einflussbereich des „Empire“ geltendes Recht und bleibt es fortan weitgehend.
Diese politisch brisante Zeit, von der Revolution in Frankreich über das Premier Empire Napoleons (1804-1815) unter seiner imperialen Devise „Honneur et Patrie“ („Zur Ehre des Vaterlandes“) bis zu seinem Fall, stößt in der Folgezeit in Europa die Tür zu einem „nationalen Bewusstwerden“ der Menschen auf, das unter dem „Leitstern der Freiheit“ steht und für die deutschen Länder in den „Vormärz“ führt.
Das Bewusstwerden zum Bewusstsein der Deutschen als Nation fand im „Vormärz“ nicht nur durch die bürgerliche, revolutionäre Freiheitsbewegung statt, sondern wurde auch vom politisch orientierten, kulturellen Schaffen der Zeit getragen. Die kulturgeschichtliche Epoche des Biedermeier (1815-1848) kann nicht allein nur mit der „Romantik“ als „geistesversonnene“ künstlerische Ausdrucksform assoziiert werden oder gar nur auf die bürgerliche Wohnstube des unpolitischen Herrn „Gottlieb Biedermaier“ bezogen bzw. reduziert werden. Die Formulierung „kultureller“ Vormärz trifft demnach die weit im Bürgertum verankerte politische Gesinnung und das politisch orientierte, kulturelle Wirken im „Vormärz“. Aus der langen Reihe der Geistesschaffenden, die sich Wege zu anderen Normen der gesellschaftlichen Ordnung wünschten, werden, exemplarisch nur, einige benannt: