Grazer Akademische Burschenschaft Carniola

seit 1884

UNSERE GESCHICHTE  ·  UBI SUNT QUI ANTE NOS…

Gedanken zur Heimat

Vorweg, mit dem Begriff „Heimat“ habe ich Schwierigkeiten, ist er doch abgegriffen, von Geistesströmungen und politischen Richtungen gebraucht und missbraucht worden. Und dennoch, es ist ein Begriff, der Emotionen und Gefühle wecken kann. Als moderner Mensch schaue ich nun bei Wikipedia vorbei:

„Ort wo ein Mensch zu Hause ist, oder mit dem er sich stark verbunden fühlt.“

Heimat verweist demnach auf Beziehung zwischen Mensch und Raum. Der Raum, in dem Menschen sich wohl fühlen, erklärt Gefühle und Emotionen. In der Folge wird aber die Begriffserklärung weitläufig und für ein klares Verständnis unübersichtlich. So wird der Begriff unter Einbeziehen von allerlei anderen Begriffen wie „Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und sogar Weltauffassungen“ zunehmend verwässert.

Rechtlich spielen Geburtsort, Wohnort und Herkunftsland eine Rolle und damit auch verbunden das Erbrecht. Das heißt, wir ererben Heimat primär durch Geburt. Verlieren wir dieses Erbrecht, z.B. durch Vertreibung oder geben es aus freiem Willen auf, besteht in manchen Ländern – bei Weitem nicht in allen – die Möglichkeit durch Sesshaftigkeit ein Erbrecht wieder zu erlangen. Dem folgten die bedeutenden Sprachwissenschafter Jacob und Wilhelm Grimm bereits, die Begrifflichkeiten einem weiten Kreis zugänglich gemacht hatten („Deutsches Wörterbuch“).

Mit einer noch sehr viel weiter gespannten Definition des Begriffes „Heimat“, die auch „Besitztum“ mit einbezieht, kann ich nichts anfangen. Die pure Vorstellung Besitz mit Heimat zu verbinden, hat mir doch einen schalen  Beigeschmack. Besitztum hat mit dem Heimatraum nur bedingt zu tun und ist im Allgemeinen auch nicht die wahre oder tiefere Ursache für unsere Emotionen und Gefühle, wenn wir an unsere „Heimat“ denken. Heimat durch Besitz?

Aus der sehr langen Geschichte unserer Burschenschaft, aus den Lehren beider Weltkriege mit Schicksal und Geschichte der Heimatvertriebenen, sollte man die Möglichkeit eine neue Heimat anderenorts wieder erlangen zu können als eine wahre, zuversichtliche Chance sehen. Es war für uns Gottscheer, Krainer und Untersteirer damals eine Frage des Überlebens, nach der Vertreibung aus der alten Heimat wieder Fuß zu fassen.

Darum mussten wir uns redlich bemühen. Im Gedenken sind wir Allen dankbar, die uns in ihre Heimat aufgenommen und uns ein friedliches Zusammenleben ermöglicht haben. Mit Blick auf unser Heimatblatt, die „Gottscheer Zeitung“, bin ich heute doch glücklich, dass es möglich ist im Leben zu stehen und mir meiner Wurzeln bewusst zu sein!

Interessant finde ich durchaus manche Feststellungen und Überlegungen zum Migrations – Hintergrund. Hier zitiere ich zwei, die mir prägnant und auch zutreffend scheinen:

„Menschen mit Migrations – Hintergrund empfinden beide Länder, das ihrer ethnischen Herkunft und das in dem sie seit Langem leben bzw. lange gelebt haben, als ihre Heimat.“ (1)

und ferner noch:

Die erste Heimat, in die man geboren und in der man aufgewachsen ist, erhält man geschenkt. Die zweite Heimat muss man sich aktiv aneignen.“ (2)

 

Um also in der neuen Heimat Fuß fassen zu können, muss man das Leben dort erst annehmen, sich einfügen und die Sprache des Landes erlernen. Alle diese Vorgänge brauchen Zeit. Vielen Menschen, die aus bitterer Not oder durch Zwang ihre Heimat verlassen (mussten) oder ihre Heimat aus freiwilligen Gründen verlassen (hatten), mag das Eingewöhnen und Wohlfühlen in der Fremde ein sehr schwieriger Prozess (gewesen) sein. Das vorallem, weil sie meist seit Generationen von ihrem heimatlichen Lebensraum, seiner langen Geschichte, der Sprache und der Kultur oder vom Glauben „geprägt“ (worden) sind:

„Heimat – durch Prägung!“

DER HEIMAT GEDENKEN !

Hier erlaube ich mir einen weiteren Gedanken, beispielhaft an den sehr weit verstreuten Gottscheern und Krainern: Gewiss haben Alle, die seit Langem in Kanada, Amerika oder sonstwo weitab leben, die Landessprache dort erlernt und eine andere Lebensart angenommen. Gewiss ergibt sich deshalb aber das Problem des zunehmenden Verlustes unserer über 700 Jahre alten Sprache.

Dazu erneut ein Blick in das Gottscheer Heimatblatt: Wohl kaum Jemand wird unsere uralte Sprache je wieder perfekt erlernen. Es bleibt uns aber Auftrag und Pflicht ein Bewusstsein für unsere alte Heimat wach zu halten.

Genau an dieser Stelle muss der große Verdienst und das große Werk der Familie Tschinkel erwähnt werden, die uns, die wir nachgekommen sind, sowohl durch die Sammlung und die Niederschrift der alten „Gottscheer Lieder“, mit dem „Wörterbuch der Gottscheer Sprache“ und mit der „Grammatik der Gottscheer Mundart“ das Verständnis für und die Erinnerung an unsere Heimat bewahrt haben (3, 4, 5, 6). Nichts anderes drückt auch der erste Versreim der vierten Strophe des Kärntner Heimatliedes aus:

„Wo Mannesmut und Frauentreu‘ die Heimat sich erstritt aufs neu‘…“

Die Burschenschaft Carniola erinnert sich an ihre Geschichte, an das Los und das Schicksal der aus ihrer uralten Heimat vertriebenen Bevölkerung. Gerade deshalb haben wir Verständnis für die vertriebenen Menschen in Not in unserer Zeit. Klar ist aber auch unsere Position, dass aus der Sorge um „Überfremdung“ – somit um des sozialen Friedens willen – nicht Alle bei uns Aufnahme und Bleibe finden können, die es wünschen.

Von Allen, die aufgenommen werden (wurden), wünschen wir uns ihr aktives Bemühen um Beheimatung und ihr Bekenntnis zur (Wahl)Heimat. Das erfordert das Erlernen der deutschen Sprache. Nur so wäre ein stabiles und ein friedvolles Miteinander zum Wohl und zum Nutzen aller mit uns am gemeinsamen Ort lebenden Bürger zu erreichen.

B! CARNIOLA – „DIE HEIMAT“

Unsere Burschenschaft ist vorallem eine lebenslange akademische Gemeinschaft. Die globale Welt, das Drängen und Streben nach Erfolg bringt es leider mit sich, dass Bundesbrüder über alle Welt verstreut sind. Das Burschenband aber, das hält! Die Bundesbrüder erinnern sich gerne an die Stadt, in der sie einen guten Teil ihrer Jugend und ihre Studentenzeit verbracht und sich in freundschaftlicher, geselliger Runde wohlgefühlt hatten. Über Raum und Zeit hinweg kann Burschenschaft „Heimat“ sein! – womit ich nun selbst an einem übertragenen Punkt angekommen bin.

Ich wünschte mir, dass weiterhin viele junge Studenten in unsere Gemeinschaft finden und das doch erhebliche Potential unseres Lebensbundes für ihren eigenen Lebenslauf erkennen!

ED

HEIMKEHR UND AUFBRUCH – UTOPIE?

Eine Utopie (οὐ „nicht“ und τόπος „Ort“) ist ein Ort den es nicht gibt („Nicht-Ort“). Die Heimat ist im Verständnis vieler Menschen ein realer Ort. Emotional ist mit ihm meist eine besondere Vorstellung mit positivem Werteinhalt verbunden. Beide, sowohl der reale Ort als auch der emotionale Raum, können sich auf die Vergangenheit, auf die Gegenwart oder die Zukunft beziehen. Auf die Zukunft wohl im Sinn eines die Heimat zu gestaltenden Aufbruchs.

Macht „Verlorene Heimat“ dem ruhelosen Wanderer diese zum Nicht-Ort, also zur Utopie? – kann er, wenn sich die Zeit erfüllt hätte, dort Ruhe und Aufbruch je wieder finden?

Bei Friedrich Hölderlin ist Heimat vielleicht der Ort, an dem Heimkehr und Aufbruch keine Widersprüche mehr bedeuten.

Friedrich Hölderlin: Die Heimath. Ode in alkäischem Versmaß. Erstdruck von 1799 | Bild/Rechte: Wikimedia Сommons

GP

Die Heimath.

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strohm
Von fernen Inseln, wo er geerndtet hat.
Wohl möcht’ auch ich zur Heimath wieder;
Aber was hab’ ich, wie Leid, geerndtet?

Ihr holden Ufer, die ihr mich auferzogt,
Stillt ihr der Liebe Leiden? ach, gebt ihr mir,
Ihr Wälder meiner Kindheit! wann ich
Komme, die Ruhe noch Einmal wieder?

„Nie ist in der deutschen Literatur Heimat als das große Voraus, als künftige Herberge und als utopischer Besitz, wenn die Zeit sich erfüllt hätte, mit jener Inständigkeit beschworen worden wie in Hölderlins Gedichten.“

Walter Jens (1889-1997). Altphilologe, Schriftsteller, Literaturhistoriker, Kritiker. Ordinarius für Rhetorik Eberhard Karls Universität Tübingen, Präsident der Akademie der Künste zu Berlin, Präsident des PEN-Zentrums Deutschland.

Literatur & Quellen:

(1) Steinvorth, Daniel. Kültürschock in Istambul. In: Der Spiegel, Heft 26/2010. 28. Juni 2010, S. 97

(2) Sommer, Hartmut. Philosophie der Heimat. In: Universitas, Heft 7/2018, S. 74-99

(3) Tschinkel, Walter. Wörterbuch der Gottscheer Mundart. 2 Bände. Mit Illustrationen von Anni Tschinkel. Studien zur Österreichisch – Bairischen Dialektkunde. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1973.

(4) Tschinkel, Hans. Grammatik der Gottscheer Mundart. Niemeyer, Halle a. S. 1908.

(5) Tschinkel, Wilhelm. Gottscheer Volkstum in Sitte, Brauch, Märchen, Sagen, Legenden und anderen volkstümlichen Überlieferungen. Wilhelm Tschinkel Selbstverlag, 1931.

(6) Brednich, Rolf Wilhelm. Gottscheer Volkslieder. Gesamtausgabe. Auf Grund der Sammlung Hans Tschinkel und der Vorarbeiten von Hans Seeman mit Unterstützung des Deutschen Volksliederarchivs. B. Schott‘s Söhne, Mainz 1969.